Ein Loblied auf das schöne Wiental

   
 
Ich weiß natürlich nicht, inwieweit du die ROSA LILA VILLA an der Linken Wienzeile, bei der Pilgrambrücke, kennst. Wie der Namen schon sagt, zeigt sich das Haus in rosa und lila, den Farben der emanzipatorischen schwulen bzw. lesbischen Bewegung. Nach der Renovierung sah das Haus aus wie ein Schmuckkästchen, aber inzwischen könnten Fenster und Fassade einen neuen Anstrich vertragen.

Was sich die meisten Zeitgenoss/innen unter einer Villa vorstellen, ist die sogenannte VILLA nie gewesen: ein zweistöckiges Eckwohnhaus, ganz nah an einer der meistbefahrenen Straßen Wiens. Bis 1985 war es ein Abbruchhaus der Gemeinde Wien gewesen. Wie das ausgesehen hat, kannst du dir vorstellen: schäbig und grau, mit abbröckelndem Verputz. Ich hätte nicht drin wohnen wollen.

Die strategische Lage ist allerdings optimal! Abgesehen von der Nähe zum Stadtzentrum, zu Naschmarkt und Flohmarkt und seiner verkehrstechnisch günstigen Anbindung (U4, 13A, 12A, Nachtbus), stellt die Unübersehbarkeit für den stadtauswärts rollenden Verkehr ein unschätzbar wertvolles Moment der Sichtbarmachung von Lesben und Schwulen dar.
Als 1982 alles begann und wir ständig mit Maßband, Pinsel und Schraubenzieher lebten, gab es in der Nähe die Eisenhandlung Christa Hoffmann mit Haushaltsabteilung, ein wunderbares altes Elektrogeschäft in der Hofmühlgasse, die Farbenhandlung SEFRA in der Schönbrunnerstraße, den unvermeidlichen rot-gelben Supermarkt, eine ‚Ankerbrot‘ - Filiale, die Bäckerei-Konditorei-Café ‚Haag‘, die BAWAG usw. usf. Auf der linken Wienzeile fährt alles raus, was Wien in westlicher Richtung verlässt. Drüben, auf der Rechten Wienzeile, rollt der Verkehr stadteinwärts. Dazwischen sind U-Bahn und Wienfluss. Direkt auf der Höhe der VILLA, aber drüben, entlang der rechten Wienzeile, zieht sich ein schmaler Parkstreifen hin, mit Kastanienbäumen, Birken, Akazien, Fliederbüschen, Parkbänken, Hundescheiße und Ratten. Neuerdings gibt es dort eine umzäunte „Hundezone“ – keine hundefreie Zone, sondern das Gegenteil!

Wenige Meter weiter flussaufwärts, verbindet die Pilgrambrücke den sechsten mit dem fünften Bezirk, die Linke- mit der Rechten Wienzeile. An der Brücke gibt es eine dieser wunderbaren alten U-Bahnstation von Otto Wagner. Außer dem Würstelstand und der Bushaltestelle gab es früher ein kleines Wirtshaus auf der Brücke – neben dem Holland-Blumenmarkt, bei dem eine Tulpe immer schon drei Schilling mehr gekostet hat, als samstags am Bauernmarkt. Die Tulpen von dort öffnen sich wie Teller und gehen abends wieder zu, das ganze fünf Tage lang, auf und zu, bis sie schließlich offen bleiben und abfallen. Manche gefüllte Sorten behalten selbst dann noch die Blätter. Aber für Qualität haben die Meisten keine Zeit.
Das Bierbeisel, das früher vis à vis der U4-Station war, hatte weit mehr Leben auf die Brücke gebracht. Heute gibt’s wieder Ströck-Brot auf der Brücke und bald (?) auch ein ,Café PILGRAM‘.

Wenn ich vor fünfzehn Jahren zum Fenster raus sah, auf die Brücke und in die Pilgramgasse hinein, die drüben, in der Verlängerung der Brücke, zum Margarethenplatz hin sanft ansteigt, war da fast schon großstädtisches Flair, wenn die Stockbusse 13A über die Brücke fuhren und die U-Bahn im offenen Stollen unten durch rauschte. Die Stockbusse gibt‘s schon lange nicht mehr.

Den Fluss neben der U-Bahn, den gibt’s noch. Weiter unten dann, ist er seit einem Jahrhundert überbaut. Vis á vis der Villa ist die Welt noch in Ordnung. Ein Bächlein, die meiste Zeit des Jahres, schwerlich ‚Fluss‘ zu nennen, fließt die Wien in ihrem riesigen befestigten Bett zwischen alten Steinmauern und du kannst eine lange Eisentreppe runtergehen und sie trockenen Fußes bis in ihre dunkle Röhre begleiten, solange, bis du beim Stadtpark wieder herauskommst. Alle paar Jahre allerdings, nämlich nach kräftigen Regengüssen, geht da unten niemand mehr! Da verwandelt sich die Wien über Nacht in einen tosenden braunen Strom, und ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie sie entwurzelte Bäume mit sich riss, so lang wie zwei Autobusse, die sie von einer Seite zur anderen schmiss. Nach solchen Regengüssen hingen noch lange Zeit Fetzen von Gestrüpp und Schlamm von dem eisernen Treppenabsatz runter. So hoch war sie einmal, dass sie einen halben Meter unter der Mauerkrone zum alten Stadtbahnstollen schäumte und tobte, so dass nicht viel gefehlt hätte, und sie sich über die U-Bahn ergossen hätte. Gerade so wie der Wienfluss – ist der U-Bahn-Stollen auf unserer Höhe noch offen geführt. Die Wien kommt aus dem Wienerwald westlich von Wien, und macht bei der VILLA einen weiten Bogen, um ein Stück weit von Süden nach Norden zu fließen. ,Flussaufwärts‘ heißt von der VILLA aus gesehen ‚südlich‘.
Flussabwärts, am Ende jenes Parkstreifens drüben, halb verdeckt hinter schlanken Pappeln, ragt eines der schönsten Jugendstilhäuser Wiens mit seiner Schmalseite so frei und elegant in die Höhe, wie du es in Wien nicht noch einmal findest. Da ist das Café Rüdigerhof unten drin, mit seinen schönen Neon-Lustern. Da haben sich früher alteingesessene Polen und Tschechen zum Kartenspiel getroffen – die sind inzwischen nicht mehr dort – außerdem die unterschiedlichsten Leute, viele Junge, ein in vielerlei Hinsicht gut gemischtes und sehr relaxtes Publikum. Das Lokal ist seit vielen Jahren mehr oder weniger immer gleich - und immer gleich geführt. Es könnte von der Anlage her das schönste Café Wiens sein, aber dazu bräuchte die Wirtin mich als architektonischen Berater! Zur U-Bahn und zum Wienfluss hin hat es angenehme Gast-Terrassen auf unterschiedlichen Niveaus unter hohen Kastanienbäumen. Beim ,Rüdigerhof‘ schwenken U-Bahn und Wienfluss in einer Kurve nach Osten und verschwinden zwei Häuser weiter in ihren Tunnels. Dort steht ein Haus des berühmten Otto Wagner – Schülers, dem Laibacher Architekten Pletschnig, der ein relativ offen schwules Leben geführt und auch die Prager Burg umgebaut hat. Die rechte Wienzeile heißt dort – ganz unvermittelt - ein Stück weit ,Hamburger-Straße‘, was daher kommt, dass sich die Straße früher einmal zwischen dem Rüdigerhof und dem offenen Stadtbahn-Stollen hindurchzwängt hat, gerade dort, wo ,Rüdigerhof‘ und ,Celeste‘ heute ihre Gastgärten haben. Vom zweiten Stock der VILLA aus, insbesondere vom Eckzimmer, ist das gut zu überblicken.
Zwischen dem Pletschnig-Haus und dem ,Rüdigerhof‘ befindet sich ein niedrigeres Haus, in dem ich vor 25 Jahren Holz für meine Architekturmodelle eingekauft hatte. Die Tischlerei und das Haus gehörten Olive Jahn. Zwischen all ihren verstaubten Brettern hatte sie ihr Büro in einem kleinen verstaubten Abteil aus Glas und Sperrholzplatten. Aladin, der vorher das ,Kuku‘ einen Alt-Hippie - Schuppen herüben auf der Linken Wienzeile hatte, hat ihr das Haus später abgekauft. Er hat dort das ,Celeste‘ eingerichtet, ein Kulturbeisl, mit Kellerbühne, Galerie und dem bereits erwähnten Gastgarten. Inzwischen ist er auch am ‚Spektakel‘ beteiligt, dessen Gastbetrieb an der Hamburgerstrasse ein brasilianisches Lokal geworden ist. Vor Jahren, als die Totalsanierung der Rosa Lila Villa vor ihrem Abschluss stand, träumte ich mit Aladin von einer Wiental - Programmzeitung, die sich aus Inseraten finanzieren und in ganz Wien in Szene - Lokalen gratis aufliegen sollte: mit Kultur-Ankündigungen und Rezensionen, in denen wir uns gegenseitig hätten promoten können. 'Wir‘, das hätten sein sollen die Häuser Rosa Lila Villa, Celeste, Andino, America Latina, Macondo, Amacord usw., Lokale mit Live-Musik, außerdem Cabaret- und Kleinkunstbühnen wie Celeste, Spektakel und das ehemalige Café Theater an der Wien‘, das damals ‚Donauwelle‘ hieß. Ein lokalpatriotischen Vorhaben. Wir haben es leider nie verwirklicht. Unser Magazin hätte gute Chancen haben müssen, weil es sich um das Wiental mit seinen insgesamt drei Märkten, der schwulen Meile und den vielen Lokalen ganz schön abspielt. Damals gab es allerdings noch keines dieser inzwischen recht zahlreichen Gratismagazine aus der - und für die - schwul-lesbischen Szene. Heute wäre natürlich das wunderbare 'naschmarkt deli‘ mit von der Partie, am Naschmarkt zwischen 'Do:an‘ und 'Café Drexler‘ gelegen. Dort spielt die Art Musik, die ich mir für das 'Willendorf‘ in der VILLA wünschen würde.

Direkt an der Ecke der VILLA zweigt die Spörlingasse von der linken Wienzeile ab und an deren Ende, Ecke Mollardgasse, betreibt der Wirt der 'Eisernen Zeit‘ vom Naschmarkt das ,Café Mollard‘. Das von Lesben geführte 'Orlando‘, gleich um die Ecke in der Mollardgasse, gibt es leider nicht mehr.


Wer die Gegend hier kennt, schwul ist und nicht älter als dreißig, kann sich nicht vorstellen, was es damals alles nicht gab. „Erstes Wiener Schwulen- und Lesbenhaus“ und „Kommunikationszentrum für homosexuelle Frauen und Männer“ stand erst ab 1983 auf der Bruchbude an der Linken Wienzeile, und außerdem stand über dem Eingang „Rosa lila Villa“. Unser ,schöner Arthur‘, bekannt auch als ,King Arthur’ – DJ vom U4, hat das eigenhändig alles draufgemalt - in gestochen scharfen Druckbuchstaben.

 

 
 
 
 
 
Pilgramgasse gegen Pilgrambrücke vom
Margaretenplatz aus gesehen
(um 1900)
 
 
 
 
 
 
Wienflußregulierung
Blick von oberhalb gegen die Pilgrambrücke (um 1895)
 
 
 
 
 
Durchblick
von Hofmühlgasse
gegen Eggerthg. (1965)
 
Fotos: Bildarchiv der Öst. Nationalbibliothek