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Geheimsache: Homophobie

von Marty Huber am 2006-01-23 13:57:00
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Die Ausstellung: "geheimsache: leben" hat lesbischwules ans Licht gebracht: U.a. auch strukturelle Homophobie in Österreich.

Ein Jahrhundert Leben von Lesben und Schwulen in Wien; ein Jahrhundert, das kaum Relikte und wenn, dann nur in verstaubten Archiven gesammelte kennt. Für die Ausstellung "geheimsache:leben" – Österreichs erster Großausstellung zur Geschichte des versteckten, verschwiegenen und vergessenen Lebens gleichgeschlechtlich liebender Menschen im Wien des letzten Jahrhunderts – wurden sie nun zusammengetragen. Auf über 1.700 m2 – in der dafür eigens gestalteten "Neustifthalle" – eröffnen über 500 Exponate in 4 Inszenierungsebenen Zugänge zum bislang weißesten Fleck der Stadtgeschichte. Das vom Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny himself als "Landesausstellung" titulierte, vom Wien Museum aber trotzdem abgelehnte Ausstellungskonzept rankt sich um Geschichten und Artefakte lesbischwuler Diskriminierungen und Kämpfe.

Dass die Republik Österreich noch bis März 2003 offensiv Menschenrechte mit dem §209 (dem sog. "Schutzalterparagraphen") verletzt hat, mag bei manchen schon wieder im Meer des Vergessens untergegangen sein. Die Ausstellung hingegen zeigt die Kontinuität der Diskriminierungen bis zur Verfolgung Homosexueller im Nazi-Reich auf, aber sie liefert auch einen Einblick in diffizilere Formen der Homophobie. So macht zum Beispiel Gerd Bachers Brief an Günter Tolar nach dessen Going Public verständlich, warum auch heute noch nur ein sehr kleiner Anteil von Lesben und Schwulen am Arbeitsplatz out ist. Angesichts solcher Geschichten stellt sich die Frage, ob sich die Homophobie mehr noch internalisiert hat und es deshalb immer weniger notwendig ist, staatlich zu diskriminieren. Die Ausstellung zeigt sehr deutlich, was es bedeutet(e), ein Leben im Verborgenen zu führen: Staat und Gesellschaft zwangen Homosexuelle entweder ins soziale Abseits oder "into the closet", in das Geheimhalten des eigenen Liebeslebens.

Die Ausstellung teilt sich in 4 Bereiche: das Labor, die Stadt, der Spiegel, die Leidenschaften, durch die der/die BesucherIn durch spezifische Blickinszenierungen geführt wird: Das Labor konfrontiert mit den zwischen den jeweils grassierenden Klischees über sich selbst sowie der alltäglichen Bilderflut der Heterosexualität entstandenen Identitäten im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung. Dabei wird deutlich, dass Politik, Justiz, Medizin, Religionen und Sozialwissenschaften ebenso wie Kunst, Literatur und Medien ihre Ideen über den homosexuellen Menschen an die Öffentlichkeit bringen und brachten.
Die Stadt lässt große und kleine Mosaiksteine der verschiedensten Lebenswelten zu Tage treten, Spuren des Ruhmes und des Scheiterns, der Kultur und Subkultur. Ein Album über lesbischwules Leben in der Stadt, ein Flanieren durch das Wien des 20. Jahrhunderts und seine mehr oder weniger bekannten Schauplätze.

Der Spiegel führt u.a. Dokumente über die Verfolgung von Lesben und Schwulen während der NS-Zeit zusammen, die auch deutlich machen, dass Lesben und Schwule nicht nur Opfer des Regimes waren, sondern ebenso TäterInnen bzw. MitläuferInnen. Homosexualität galt als Zersetzung des deutschen Volkskörpers und viele Schwule mussten insbesondere in der Wehrmacht ihre Sexualität verstecken. Ein weiteres Mittel der Bestrafung für politisch nicht gefährliche Schwule war die so genannte "Bewährung an der Front". Homosexualität war jedoch bis Anfang der 70er Jahre noch mit schwerem Kerker bedroht. Die Leidenschaften zeigen die wenigen österreichischen KünstlerInnen, die ihr gleichgeschlechtliches Begehren zum Inhalt ihrer Kunst machten. Oft wurden Identität, Androgynität, Sexualität und Pornografie zum Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung, manchmal wurden Stil und Stilisierung Mittelpunkt der Kreativität.

Dass die Ausstellung diesen großen Raum im 7. Bezirk besetzt, ist erfreulich und schon bei der Eröffnung merkte mensch, wie sehr auch die Community davon angesprochen wird. Viele Lesben und Schwule, die das Leben der Community seit den 70er Jahren geprägt hatten, kamen schon zur Vernissage, um Teile ihrer Geschichte in dieser Öffentlichkeit zu sehen und zu erleben. Wie sehr diese Ausstellung aber auch Raum in anderen Sphären des städtischen Lebens gewinnt und somit auch eine (gesellschafts-) politische Dimension erfährt, hängt sehr von den Formen der Vermittlungsarbeit ab. Es ist den AusstellungsmacherInnen nur zu wünschen, dass es ihnen gelingt, auch möglichst viele Schulklassen, universitäre Gruppen, SeniorInnenverbände etc. anzusprechen und ihnen über eine gewisse Schaulust hinaus die Geschichte von Lesben und Schwulen und ihrer Stadt näher zu bringen. Die Konfrontation mit (struktureller) Homophobie und den Kontinuitäten bis in die Gegenwart ist eine, die nicht angenehm sein kann. Was fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit Lesben und Schwulen, die aus anderen Ländern nach Wien migriert sind. Im Bewusstsein, dass es erst seit kurzem auch selbstorganisierte Gruppen für lesbischwule MigrantInnen gibt, hätte es spannend sein können, in diese Richtung zu recherchieren.

Dieser Artikel erschien in der malmoe



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