Ein (relationaler) Raum trifft die Konstruktion von Geschlecht. von Gerald Koessel; Udo W. Häberlin am 2010-09-24 17:38:37 Artikel druckenDie Soziologie des Raums muss heute aus der Entstehung von Raum aus der (An)Ordnung der sozialen Güter und Menschen heraus gedacht werden. Sie steht nicht als eigene Realität den Gütern und Menschen dualistisch gegenüber. Die Erklärung einer rein entgegengesetzten Subjekt- und Objekt-Konstellation hinsichtlich des Menschen und des Raumes kann seit der "Raumsoziologie" von Martina Löw als überwunden betrachtet werden.
Der Raum existiert ja nicht bloß als konkret-physisches Gebilde, sondern der Raum wird in nicht weniger starkem Ausmaß auch aus der Summe aller Vorstellungen, Vorurteilen und Machtansprüchen der darin lebenden Individuen gebildet. Damit soll freilich nicht gesagt werden, dass der Raum ein gänzlich ideelles Produkt ist, sondern dass der Raum nicht erst in untergeordneter Hinsicht einer massiven sozialen Konstruktion unterliegt.
Um dieser Tatsache gerecht zu werden, verwendet man daher in der raumplanerischen und stadtsoziologischen Literatur seit einigen Jahren den Begriff des relationalen Raumes. Das neue dabei ist weder „der Raum“ an sich, noch „das Soziale“, sondern die Erkentnis, dass man beide als sich gegenseitig konstituierend betrachtet; als gegenseitig in einem Verhältnis stehend und somit relational.
Im Sinne Pierre Bourdieus, der den Begriff des sozialen Raumes prägt, welcher auch das Verständnis für das relationale Raumverständnis ins Bewusstsein ruft, lässt sich jeder Raum durch ein Kräftefeld beschreiben, das weder alleine auf die individuellen Intentionen der Einzelakteure, noch alleine auf deren direkte Interaktion zurückführbar sind. Vielmehr spannt sich ein unsichtbares Netz an relativen Positionen, welches wiederum das Ausmaß an Nähe oder Ferne bestimmt. Wie sich diese Strukturen wiederum in den physischen Raum einschreiben hängt von der jeweiligen ökonomischen, sozialen oder kulturellen Position der Akteure ab. (…)
Um sich die Körpergebundenheit des relationalen Raumes zu verdeutlichen braucht man nur die intensiv geführten Diskurs der Geschlechterdebatte zu beobachten. Sei es das Konzept des Gender-Mainstreamings, welches seit den Amsterdamer Verträgen 1999 zu einem offiziellen Ziel der Europäischen Union wurde, oder den Vertretern des Queer, die ein Abgehen vom gesellschaftlich geprägten Normativ der Heterosexualität und einen befreienderen Zugang zur Geschlechteridentität fordern (vgl.dazu Butler, Auf kritische Weise queer), oder die konkrete Einforderung des öffentlichen Raums zur Anerkennung von sexuellen Identitäten bei der jährlich stattfindenden Regenbogenparade in Wien. All dies zeigt, dass der (öffentliche) soziale Raum nicht bloß der Ausverhandlung von ökonomischen Interessen dient, sondern in nicht geringerem Maße auch der Konstitution der Subjekte. (…)
Um wieder etwas konkreter darauf zurückzukehren, was der relationale Raum künftig für Städte und für die Stadt- und Raumplanung im Allgemeinen bedeutet, sei auf das Beispiel Wien verwiesen. Hier werden nun verstärkt "Sozialraumanalysen" durchgeführt um in der Grundlagenforschung die Bedeutsamkeit des jeweiligen Raumes zu vertiefen, bevor eine Planung beginnt. Die Relevanz der Thematik spielt nicht zuletzt auch bei der (Neu)positionierung der Städte im internationalen Vergleich eine Rolle. So versucht etwa Richard Florida in seinem Werk „The Rise of the Creative Class“ unterschiedliche Indikatoren für die künftige Attraktivität von Städten, im Sinne eines kreativen Potentials für eine Vielzahl von neu entstandenen und neu entstehenden Beschäftigungsformen, vor allem im Dienstleistungssektor, zu finden. Einen Faktor bildet der sogenannte „gay index“, der nicht bloß die Aufgeschlossenheit der Einwohner einer Stadt gegenüber Homosexuellen messen soll, sondern eine generelle Offenheit für neue/andere Personen und Ideen.
In Wien hebt sich in dieser Hinsicht vor allem die Grätzl um die Wienzeile, über den sechsten Bezirk bis hin zum 8. Bezirk von anderen Stadtregionen Wiens ab. Hier ist die Akzeptanz für ein Modell des öffentlichen Raums als Ort der Vielfalt hinsichtlich der Angebote für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung (Stichwort queer space) vermehrt gegeben. (…)
Im Wandel von vormals Bildungsbürgerlichen Straßenzügen wird das Bild der Erdgeschosszonen bunter. Es finden sich eine Vielzahl von Ateliers und Shops die sich zu trendigen „kreativen“ urbanen Räumen entwickeln. Hinzu kommen Hinterhoflofts und überraschende Oasen in manchen Häuserblöcken.
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