Transparente ohne Endevon Marty Huber am 2004-05-30 07:10:35 Artikel druckenMeistens finden Transparente nur noch in Demos Verwendung, selten findet mensch sie noch an Häuserfassaden. Bei der Villa ist das anders: So manche WienerInnen kommen, auch wenn sie sich ganz und gar nicht für die Villa interessieren an einer Form der Öffentlichkeitsarbeit kaum vorbei: Das ist unsere stets wechselnde "Fassadengestaltung". Ich spreche jetzt nicht von der umkämpften Aufschrift "Lesben- und Schwulenhaus", die mir schon als 14jährige während meiner "Lerne deine Bundeshauptstadt" Wienwoche auffiel. (Damals übrigens noch 1. Wiener Lesben- und Schwulenhaus, also für alle die weitere pinke Häuser gründen wollen - nur zu!) Nein, im folgendem spreche ich über die handgemalten Transparente, unzählige sind im Laufe der letzten 21 Jahre entstanden und nur beispielhaft will ich ein paar aus der letzten Zeit herausgreifen. Überhaupt, dass diese "HausbesetzerInnen-PR" die 80er Jahre überlebt hat, regt schon einige Leute selbst in der Szene auf. Warum wir und meistens sind es die Lesben des Hauses, die dieses Medium benutzen, immer noch zum Teil 25m lange Transparente ans Haus hängen ist dennoch leicht erklärt: Die Fassade ist lang, Stoff ist billig, die Farben auch und frau / man kann es weithin sehen, da wir ja bekannterweise an einer stark befahrenen Straße leben und damit sogar die BenutzerInnen der U4 erreichen.
Interventionen nach innen und außen
Transparente an Häuser gibt es im Wiener Stadtbild ja nur noch selten. Einen der wenigen Höhepunkte fand diese Kultur des Protestes im Jahr 2000, zur Zeit der Implementierung der blau-schwarzen Regierung. Viele Menschen hängten Botschaften an ihre Fenster und während der zahlreichen Demonstrationen flogen Fenster auf und rote Tücher wurden - die Gruppe begrüßend - geschwenkt. Auch die Villa hatte noch vor der Angelobung im Februar 2000 ein 25m langes Transparent an das Haus gehängt: "Rosa Lila Villa gegen die schwarz-braune Welle" war darauf zu lesen. Selbst ohne irgendeine weitere Pressearbeit wurde dieses Transparent im profil 2000 veröffentlicht und hat uns damit zu einer anderen Öffentlichkeit verhelfen können, die wir ansonsten nicht erreicht hätten. Außer einen Drohbrief unter dem Motto "Jetzt weht ein anderer Wind" hat uns diese Zeit jedoch keine weiteren Reaktionen aus rechten Kreisen eingebracht und aus den linken Communities wurde das Engagement der vielen unterschiedlichen Gruppierungen begrüßt.
Höflich oder doch pervers?
Vielleicht interessanter war jedoch eine Intervention nach "innen", also in die LesbiSchwule Community, anlässlich unseres 20jährigen Bestehens. Das Transparent "Rosa Lila Villa - 20 Jahre höflich und pervers" sorgte für Aufregung in der Szene. Warum wurden wir gefragt, setzen wir eine Bestätigung für alle jene aufs Haus, die uns sowieso für Abschaum hielten, wo es doch endlich keine Schande mehr sei, schwul oder lesbisch zu sein. Viel Glück, kann ich nur wünschen, aber de facto ist es heutzutage okay offen schwul oder lesbisch zu leben, wenn er oder sie ein konservatives Leben führt, und am besten nicht weiter auffällt. Wer einen normalen Lebensstil wählt und in der Arbeit nicht out, oder wenigstens Innendekorateur ist, der kann sich in Sicherheit wägen. Die Verwendung des Wortes "pervers" war einer der vielen Aneignungen von Bezeichnungen, die eine heteronormative Gesellschaft für Lesben und Schwule bereithält. Die Kombination von "höflich und pervers" verweist auf die relative Angepasstheit unserer selbst. Haben wir doch lange keine Neujahrskonzerte gestürmt oder andere Skandale verursacht, brav unsere Jahresberichte geschrieben und unser Haus verwaltet. Nichtsdestotrotz sind wir immer noch das "pink sheep of the family" der Wiener Gemeindebauten und auch immer noch unberechenbar.
Queer Acts und keine queeren Identitäten
Ich frage mich aber gerade deswegen, ob jenige welche, die sich über "pervers" aufregen und "queer" cooler finden, überhaupt wissen, was queer bedeutet hat und was es jetzt bedeuten kann. "Queer studies" würde ich einfach mit "Warmen Studien" übersetzen, unvorstellbar, dass die Wiener Universität ein solches Fach erlauben würde. "Queer" hat auch die Geschichte der Aneignung erfahren, genauso wie "schwul" einmal ein Schimpfwort war, ist es heute eine ermächtigende Selbstbezeichnung, und somit ein politischer Begriff geworden. Die Verwendung von "pervers", "verdreht" oder auch "andersrum" perforiert den normativen Raum und eine wunderbare Aneignung ist in diesem Sinne die von "Wien ist anders" Stadtwerbung zu "Wien ist andersrum", der Werbung des Festivals vom anderen Ufer.
Die Verwendung von "pervers" ist in ihrer Schlagkraft gerade eben dadurch gestärkt, da es sich nicht um eine Identität handelt, die von außen zugeschrieben wurde und die an uns haften bleibt, sondern in einer queeren Aktion angeeignet und verdreht wird.
Racism, Sexism, Homophobia kill
Transparente bieten aber auch Möglichkeit auf Ereignisse zu reagieren, die außerhalb der eigenen Community liegen. Einer dieser Anlässe war der Tod des Mauretaniers Seibane Wague im Juli 2003, der bei einem gewaltsamen Einsatz und Zusammenspiel von Rettung und Polizei um sein Leben gebracht wurde. Noch wird über die Schuldigen verhandelt, aber uns war es wichtig ein Zeichen der Solidarisierung zu setzen. Auch wenn versucht wurde Seibane Wague als Schwulen zu "diffamieren". "Gerechtigkeit für Seibane Wague" zu fordern, war das mindeste, was von unserer Seite getan werden konnte.
Mehr Infos zu Seibane Wague
www.no-racism.net
Auf dieser Seite unter Szene Echo findet ihr übrigens Reaktionen zu 20 Jahre höflich und pervers. Viel Spaß bei der Nachlese!
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