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Perpetuum Mobile

von Marty Huber am 2004-03-25 00:00:00
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Perspektive vom anderen Ufer
Reflexionen über den Workshop "Mehrfachdiskriminierung und lesbische Migrantinnen"

Vor einiger Zeit erhielt der Lila Tip, die Lesbenberatung in der Rosa Lila Villa eine Anfrage aus Berlin, ob wir uns bereit erklären würden als PartnerInnenorganisation für das innerhalb des EU-Aktionsprogramms zur Bekämpfung von Diskriminierungen stattfindende LesMigras (Lesbenberatung Berlin) Projekt:
"Mehrfachdiskriminierung lesbischer Migrantinnen" zur Verfügung stehen zu wollen. In den Diskussionen um eine Zusage ging es zuallererst um die Frage, ob wir als ehrenamtliche, autonome Einrichtung uns ein EU-Projekt aufhalsen wollten, dann um die Frage, ob wir das Thema als mehrheitsangehörigen Gruppe bewältigen konnten und überhaupt sollten. Als jedoch immer klarer wurde, dass LesMigras Berlin auch keine PartnerInnen seitens migrantischen Organisationen gefunden hatte, entschieden wir uns für das Projekt. Was uns als bald einholte, war die Blauäugigkeit mit der wir als Organisation an die Sache ran gingen und ich denke, wir machten all die Fehler, in die eine linke, politische, aber eben durchwegs weiße Gruppierung tappt, wenn sie nicht ehrlich und behutsam mit dem strukturellen Rassismus umgeht. Im konkreten handelt es sich dabei um strukturellen Rassismus auf zwei Ebenen: zum einen die Forderungen der EU, die es Menschen ohne Papiere, oder ohne eine Vereinsbasis verunmöglicht für sich selbst als PartnerInnenorganisation aufzutreten und der Rosa Lila Tip als gewachsene Struktur, die sich nur sehr zögerlich mit dem eigenen Rassismus auseinandersetzt. Auf der anderen Seite sind MigrantInnenorganisationen immer staatlichen, wie auch gesellschaftlichen Repressionen ausgesetzt, die es ermöglichen das sich in ihnen auch homophobe Strukturen weiterfortpflanzen.

Daraus ergibt sich ein perfektes perpetuum mobile, das es ermöglicht, uns gegenseitig auszubooten. Um bei diesem Bild zu bleiben: Wir sitzen sicher nicht im selben Boot und keines der Boote ist voll, aber im Strudel des sich gegenseitig Schüsse-vor-den-Bug-Knallens, gibt es einige, die es trotzdem noch schaffen zwischen diesen Booten hin und her zu schwimmen. Diese Komplexität, die es erst einmal zu durchschauen gilt, eine Struktur also, die sich unterschiedliche Repressionsmodelle (die auch im Laufe der Geschichte unterschiedlich stark ausgebildet sind) zu eigen macht, um uns gegenseitig zu blockieren, kulminiert bei der Frage um Mehrfachdiskriminierungen.

Erstes Scheitern

Aber zurück zum EU-Projekt, und dem Start der aufgrund genau der oben genannten Verquickungen in einem großen Streit zwischenzeitlich mündete. In allerhöchster Eile mußten Konzepte verfasst werden, eine lesbische Migrantinnengruppe organisiert (schon eine perfide Situation an sich und m.E. einer der Hauptgründe des anfänglichen Scheiterns) und die Erfordernisse der EU-Bürokratie erfüllt werden. Und hier taten sich genau jene Abgründe auf, von denen Migrantinnen umzingelt sind: Die Angst vom Lila Tip eingenommen und bevormundet zu werden, Gelder, die, wenn auch nicht wahnsinnig viel vorhanden, aber trotzdem vorrangig in die mehrheitsangehörigen Struktur fließen würden und damit verbunden eine Imageaufbesserung für den Lila Tip. Und das gerade mitten im Taumel der Equal-Projekte, die, wirklich finanziert, sehr oft auch bei Organisationen landeten, die sich im Sinne des humanistischen mehrheitsangehörigen Gutmenschensyndroms über die Anliegen von MigrantInnen ergießen.

[les.maus]

Aber anstatt so zu tun als wäre nichts passiert, oder das ganze hinzuschmeißen und somit das ganze Projekt sausen zu lassen, hieß es zurück an den Start. Nachdem der Vorschlag von LesMigras abgelehnt worden war, dass der Lila Tip keine Maßnahme durchführt und alle finanziellen Ressourcen der Gruppe [les.maus] (lesbische Migrantinnen in Austria) zur Verfügung gestellt werden sollten, begann ich als Koordinatorin nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Alle alten Konzepte wurden zurückgelegt, insbesondere das Kooperationskonzept aus dem mehrsprachige Folder von und für lesbische Migrantinnen entstehen hätten sollen. Zurück an den Start hieß auch zu analysieren, ob es überhaupt eine Basis gäbe, auf Grund derer es eine Zusammenarbeit hätte geben können und was die Voraussetzungen für so eine Basis sein müßten. Die Idee, die aus diesen Überlegungen resultierte war einen Workshop zu organisieren, der anhand der divergierenden Erfahrungen von Diskriminierungen und Repressionen Möglichkeit zur Auseinandersetzung bieten sollte. Im Zuge der Konzeptualisierung beschäftigten mich folgende Fragen:

  • Begriffe (Selbst- und Fremdbezeichnungen), wie "Migrantin", "Lesben", "Schwarz", "Mehrheit", "Fremde", "Familie", ... Wer hat wann welche Definitionsmacht? Wenn Sprache gleichzeitig auch handeln ist, welche Effekte haben Bezeichnungen (siehe auch "othering", "Empowerment", etc …)
  • Geschichten der Migration, des Coming Out, der Konfrontation mit Rassismus als Landkarten der Erfahrungen mit Identifikationen bzw. Identitäten, als Pool kreativen Widerstandspotientals. Wo gibt es Schnittflächen aus diesen Erfahrungen, die die Teilnehmerinnen gemeinsam haben? Welche unterdrückerischen Systeme, Strukturen gibt es hinter den Diskriminierungen?
  • Die Auseinandersetzung mit der Verschränkung der Diskriminierungsformen, wie Rassismus, Sexismus, Homophobie, Xenophobie. Welches Bild ergibt sich, wenn diese unterdrückerische Mechanismen miteinander betrachten werden?


Momente der Solidarisierung

Der Vorteil in dieser Konzeption lag, dass dezitiert Frauen angesprochen werden sollte, die über die sexistischen Strukturen hinaus Erfahrungen mit Diskriminierung haben. Wie ich schon sagte sind diese unterschiedlichen Formen der Repression oftmals in der Geschichte zeitlich verlagert und die Erfahrung mit Mehrfachdiskriminierung unterschiedlich stark ausgeprägt. Für die in vielen Belangen jetzt weniger von staatlicher Diskriminierung betroffenen Lesben mit EU-Pass stellt sich die Frage inwieweit es möglich ist ein kollektives Gedächtnis zu aktivieren und sich z.B. der organisierten Tötung von Lesben als Asoziale während des Nationalsozialismus zu erinnern und dies als Solidarisierungsmoment in die heutige Zeit zu transferieren. Dieses Gedächtnis und das Bewußtsein über die Aktualität der strukturellen Unterdrückung von Bewegungsfreiheit und die homophoben Erfahrungen in dieser Gesellschaft sollten eine andere Form der Auseinandersetzung ermöglichen.

Das soll nicht heißen, dass Lesben automatisch die besseren Partnerinnen für die Zusammenarbeit mit MigrantInnen ergeben, jedoch besteht die Chance eines kleineren Gefälles, einer etwas abgeflachteren Hierarchie zwischen den Gruppierungen. Aber gerade wegen des Bewußtseins dieses Machtgefälles verfolgten wir den Ansatz, dass der Workshop ausschließlich von lesbischen, wie auch heterosexuellen Migrantinnen geleitet werden sollte. So kam es, dass vier Migrantinnen aus unterschiedlichen Kontexten den Workshop planten, vorbereiteten und ausführten. Die Beobachtungen, die ich als lesbische Mehrheitsangehörige dabei machte, sind zahlreich und vielfältig und meine Überlegungen seit dem Workshop kreisen u.a. um unterschiedlichste Identifikationsprozesse, die sich mir als nomadisch präsentierten.

Das "wir" das ständig wechselte und das Umschiffen von Naturalisierungen in den unterschiedlichsten Gewässern der zahlreichen Communities. Überhaupt das Thema "Community", das sich als das Nomadische an sich zeigte. Einzelne Individuen, die sich zwischen den Gruppierungen hin und her bewegen werden oftmals als unstetig, ja als unpolitisch betrachtet. Ist es unpolitisch sich nicht einer "Community" zugehörig zu machen, zugehörig einer oder mehrerer Communities, die z.B. lesbische Migrantinnen gleichzeitig einschließen, wie ausschließen. Gibt es eine Wahl? Gibt es ein dazwischen sein? Ich kann diese Fragen hier nur wiedergeben, sie nicht beantworten, aber ich weiß, um die Tendenzen der Gleichmacherei in der "eigenen" Community und um ihre Funktionen und ihre Dysfunktionen. Kann eine individualisierte Gesellschaft politisch agieren? Welche multiplen, wandelbaren Solidarisierungsprozesse sind nötig, damit politisch sich etwas bewegt? Wer tritt aus der ersten Reihe zurück und gibt Platz, sprich Macht ab, wer tritt hervor und gestaltet? Welche rassistischen, sexistischen, sowie auch homophoben Strukturen werden unbedacht reproduziert durch die Reduktion auf eine Form der Diskriminierung? Stellen wir uns selbst ein Bein, wenn wir uns offenherzig in den Sumpf der mehrfachen Unterdrückungen stürzen?

Auf-Lösungen

Spielen wir uns gegenseitig aus, oder können wir uns gegenseitig hochschaukeln und Bewußtsein und Wahrnehmung schärfen und daraus streitbare Diskurse schmieden? Nun ja, ich muss wohl wie das Herbstlaub wieder auf den Boden der Realität zurückfallen und selbst zu einer Anreicherung dieses Bodens beitragen. Vielleicht ist dabei das Bild des Zerfalls, der Auflösung gerade das richtige Image. Was kann jedoch die nahe Zukunft bringen und welche Möglichkeiten sehe ich für unsere Organisation, um die rassistischen Strukturen zu erschüttern? Zum einen keine Aktionen ohne gegenseitiges Begehren, das soll heißen kein Versuch mehr Zusammenarbeit zu forcieren, wo es weder die Ressourcen noch den Wunsch zur Zusammenarbeit gibt. Das heißt auch kein zu großes Machtgefälle oder Abhängigkeiten und keine Bestrebungen zur Integration in eine unveränderliche Struktur. Nicht zu versuchen mittels solchen Projekten das eigene schlechte Gewissen zu erleichtern und dabei weitere Viktimisierungen durch die Betonung auf die Opferposition von MigrantInnen zu forcieren. Wie unsere Erfahrungen aber bereits gezeigt haben, werden wir das wiederholte Scheitern auch in unseren Prozess einplanen müssen.

Im Rosa Lila Tip haben wir als eine sogenannte "Betroffenenorganisation" begonnen, mittlerweile sehen wir uns aber mehrheitlich als ExpertInnen für Fragen um Sexualität, Identität(en), Homophobie und vieles andere mehr, die "Betroffenheit" allein reicht uns nicht mehr. Unter diesem Aspekt zeigen wir auch unsere Offenheit gegenüber emanzipatorischen Kämpfen und wissen um die Wichtigkeit des Empowerments, der Selbstverwaltung und Politisierung in den unterschiedlichen Communities. Auch wir sind konfrontiert mit anderen lesbischwulen Organisationen, die als Ziel die Integration in eine heterosexistische, weiße Struktur formuliert haben, Organisationen, die es auch immer wieder verstehen Lesben und Schwule als Opfer zu präsentieren. So wie es in der lesbischwulen Community keine Einheit gibt, so gibt es sie auch nicht in der Migrationscommunity, nichtsdestotrotz gehen die Kämpfe weiter.

Dieser Artikel erschien in: Die Bunte Zeitung. Nr. 6/Dezember 2003

www.lesmigras.de

email an les.maus



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