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"Home sweet Homo" oder doch "Heimat, fremde Heimat"

von Marty Huber am 2004-10-15 19:07:54
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Von den Lesben auf Landflucht und den Landlesben. Viele von uns sind in den Städten gelandet und wiederum viele träumen vom Häuschen am Land.

Auf dem Land als Kind aufzuwachsen kann viele Vorteile haben, es gibt genügend Platz zum Austoben, meist auch andere Kinder in der näheren Umgebung, die sich als SpielkameradInnen anbieten. In den Kindergarten und zur Schule geht frau zu Fuß oder fährt mit dem Fahrrad. Nun ja, der Schuldirektor ist ein enger Freund der Eltern, was schon mal unangenehm sein kann, aber dafür gibt es extra Kerzengießstunden beim Pfarrer, der übrigens auch ein enger Freund der Familie ist.
Die katholische Kirche spielt immer noch eine tragende Rolle am Land, und ihre Gruppen von der Jungschar bis zur Katholischen Jugend sind oft Ort der ersten Schwärmereien und Verliebtheiten.

Coming Out von früh ...

Das Coming Out auf dem Land zu haben kann für Jugendliche aufgrund der Abhängigkeit von den Eltern besonders schwierig sein, denn außerhalb der kirchlichen Organisationen gibt es eher wenig Infrastruktur für Mädchen und Jungen. Vor zehn Jahren war es auch noch wesentlich komplizierter, an Informationen über das lesbisch oder schwul Sein zu kommen. Im "Global Village" hat sich da sicherlich einiges zum Besseren gewendet. Dies fällt uns immer öfter auch in der Beratungsstelle auf, mehr und mehr Jugendliche kontaktieren uns über das Internet und finden so ihren Erstkontakt mit der Lesben- oder der Schwulenberatung. Viele entschließen sich dennoch, vom Land in die Stadt zu ziehen, um die Szene kennen zu lernen, auf PartnerInnensuche zu gehen und auch Infrastrukturen der Community in Anspruch zu nehmen. Ohne die Selbstorganisation in den Städten wäre es wohl immer noch um einiges komplizierter, die erste Lesbe face to face zu sehen. Das mag zwar in Zeiten von Humanic-Werbung und tatu unwahrscheinlich klingen, aber junge Lesben sitzen immer noch erleichtert in der Beratung, wenn auf die Frage der eigenen sexuellen Orientierung das "Ja, ich bin lesbisch" folgt. Das ist mit ein Grund, warum wir immer noch eine so genannte Betroffenenberatungsstelle sind, d. h. alle BeraterInnen lesbisch oder schwul sind. Die Anonymität der Städte ermöglicht es vielen, erstmals mehr oder weniger unabhängig von den Eltern Erfahrungen rund um die Sexualität zu sammeln und Sicherheit ob der eigenen Identität zu gewinnen.
Coming out am Land heißt größere Abhängigkeit vom unmittelbaren Umfeld. Fragen wie: Sind Eltern und/oder FreundInnen aufgeschlossen? Gibt es eine Vertrauenslehrerin an der Schule?, sind essenziell. In den katholischen Jugendorganisationen gibt es aber auch immer öfter liberale JugendleiterInnen, die in ihrer Mädchen- und Burschenarbeit auch für Lesben und Schwule unterstützend wirken können.

... bis spät

Immer mehr Frauen aus der so genannten Provinz kommen aber auch zu uns in die Beratungsstelle, die ihr Coming Out mit 35 und älter beginnen. Viele von ihnen sind oder waren verheiratet, haben Kinder und leben im ländlichen Raum. Sie erleben andere Abhängigkeiten und brauchen oft länger, bis sie sich an eine Beratungseinrichtung wenden. Für sie ist es meist einfach unmöglich, in nächster Zeit in eine andere Stadt zu ziehen. Viele sind dennoch Meisterinnen darin, Kinder, Coming Out, gegebenenfalls Scheidung und Partnerinnensuche unter einen Hut zu bringen.
Das Stadt-Land-Gefälle fällt aber hier besonders auf, frau muss sich nur den Versorgungsgrad an Kinderbetreuungsstätten in Erinnerung rufen; psychosoziale Unterstützung für das Coming Out am Land aufzutreiben, ist meist illusorisch. Oft kommen im Gegenteil Befürchtungen hinzu, wie: Ehemann und/oder das Jugendamt könnten das Sorgerecht für die Kinder streitig machen. Ob diese Angst berechtigt ist, wissen wir aufgrund der Erfahrung der Lesbenberatung nicht, uns ist bisweilen kein Fall dieser Art untergekommen. Dass der psychische Druck auf die Frauen jedenfalls groß ist, kann ich aber an dieser Stelle nur bestätigen.

Heimat, fremde Heimat

Unter diesen Aspekten kann die so genannte Heimat schnell zur eigentlichen Fremde, die Fremde aber zum Ort des selbstbestimmten Lebens werden. Für viele ist das immer noch Grund genug, in die Städte abzuwandern, teilweise lassen sie damit auch ihre Familienzusammenhänge zurück und müssen sich neue soziale Netzwerke bauen, die ihnen Unterstützung angedeihen lassen. Diese Notwendigkeit ermöglicht es aber auch vielen Lesben, ihre "Wahlfamilie" gemäß ihren Bedürfnissen auszusuchen, und dies hilft auch, die eigene Identität zu stärken.
Im Umkreis der Herkunftsfamilie wohnen zu bleiben bedeutet jedoch oft, dass nur eine Lebensweise akzeptiert wird, die darauf bedacht ist, der sexuellen Identität kaum Öffentlichkeit zuteil werden zu lassen. Wer konservativ lebt und nicht mit der "alternativen" Lebensgestaltung hausieren geht, wird schon mal toleriert, schiefe Blicke gibt es immer noch jede Menge zu ernten. Das betrifft insbesondere jene Lesben, die sich und ihr Äußeres nicht entlang einer traditionellen Weiblichkeit einordnen lassen. Femininere Lesben erfahren auf diese Weise weniger oft, nicht als Frauen wahrgenommen zu werden, und werden nicht mit "Was wünscht der Herr?" angesprochen oder von der Damentoilette verbannt.
Jugendlichen Lesben ist es noch viel eher erlaubt, mit einer/der Freundin Hände haltend durch die Straßen zu gehen; wie ist das aber für Lesben mit 40, 50, 70 Jahren? Wird dieses "mädchenhafte" Verhalten toleriert, oder fällt schon eben diese kleine Geste aus der Palette der erlaubten Signale, weil frau eben nicht mehr in die Schule geht?

"Dahoam is Dahoam"

Es gibt jedoch auch Versuche, mit diesem oft schwierigen Verhältnis von Heimat und Fremde humorvoll umzugehen. Die Rosa Lila Villa hat anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens ein T-Shirt herausgebracht, das genau dieses Dilemma aufs Korn nimmt: Wir scheuten uns nicht, ein Bild herzustellen, das die Villa inmitten der Tiroler Berge mit dem Schriftzug "Dahoam is Dahoam" versah. Für alle, die nicht in Oberösterreich aufgewachsen sind: "Dahoam is dahoam" ist der Beginn der dritten Strophe der oberösterreichischen Landeshymne. Der Autor Franz Stelzhamer meinte in dieser: "Dahoam is dahoam / Wannst net fort muaßt, so bleib / Denn d'Hoamat is ehnter / Der zweit Muaderleib" (Daheim ist daheim, wenn du nicht fort musst, so bleib', denn die Heimat ist eher dein zweiter Mutterleib).
Heimat ist in Österreich ein schwer konservativer Begriff, unser T-Shirt (das es übrigens im Lila Tip noch käuflich zu erwerben gibt) ist ein Angriff auf diese Vereinnahmung.

Home sweet Homo

Es gibt aber auch Lesben, die sich bewusst dafür entschieden haben, eine Existenz auf dem Land aufzubauen. Manche von ihnen zogen es vor, nach einigen Jahren des Lebens in der Stadt wieder in einer grünen Umgebung ein eigenes Haus zu beleben. Die auffallendste Form dieser Zurück-zur-Natur-Bewegung ist die Lesben- oder auch Frauenlandbewegung. Schon in den 70er-Jahren bildeten sich in Kanada und den USA Landkommunen, die ausschließlich von Frauen/Lesben betrieben wurden. Land wurde aufgekauft und im Sinne der Subsistenzwirtschaft bestellt und für das eigene Auskommen gesorgt. Einen besonderen Aufschwung bekam diese Bewegung durch Festivals, wie das Michigan Womyn's Music Festival. Seit 25 Jahren campieren dort einmal jährlich ca. 6000 bis 8000 Frauen/Lesben, um eine Woche lang gemeinsam Kunst und Musik zu erleben, sie bilden eine große Gemeinschaft, mit professionellen Konzert- und Performancebühnen, unzähligen Workshops, drei vegetarischen Mahlzeiten am Tag für alle.
Viele dieser Communities versuchten, so etwas wie ein utopisches Frauenland zu betreiben; Strukturen, wie konsensuale Entscheidungen, Nicht-Monogamie, Vegetarismus, kein privates Eigentum, waren einige der Eckpfeiler der Kommunen. Ein Leben ohne patriarchale Gewalt, abseits homophober Übergriffe waren die Utopien, die ja auch den heutigen nicht unähnlich sind.
Die separatistische Organisationsform eröffnete aber auch viele Konfliktherde. Zum einen war das Leben auf den oft abgelegenen Landstrichen geprägt von Einsamkeit und Isolation, alle persönlichen Beziehungen waren auf die Kommune konzentriert, das finanzielle Überleben oft unsicher; zum anderen gab und gibt es auch immer wieder Diskussionen, ob Transgender-Frauen das Land betreten dürften oder nicht. Regelmäßig kommt es bisweilen z. B. beim Michigan Womyn's Music Festival zum Eklat, ob Transfrauen als Teil der Community gesehen werden können oder nicht.

"My Home is my Castle"

Mir stellt sich jedoch auch eine grundsätzlichere Frage, und das ist wahrscheinlich die Frage zum Thema Separatismus überhaupt: Welche Strategien verhelfen möglichst vielen Frauen/Lesben zu einem selbstbestimmten Leben ohne Gewalt? Sind Frauenräume von sich aus gewaltfrei? Sicher nicht, aber gibt es einen offensiven Umgang mit diesem Thema in den Communities?
Vielerorts wurde auch angemerkt, dass diese Lesbenlandkommunen oft vorherrschend von weißen Frauen betrieben wurden, die aus der bürgerlichen Mittelklasse zu entfliehen versuchten. Und zum Schluss stellt sich mir auch die Frage, inwieweit der Gestus des Landerwerbs insbesondere im Kontext Nordamerikas eine Wiederholung des "Claiming" der Pionierzeit ist und somit neokolonialistische Züge trägt.
Das Verhältnis von Lesben auf Landflucht und Landlesben ist, wie ich aufzuzeigen versucht habe, in einem Spannungsfeld zwischen homophober Gesellschaft und Selbstbehauptung verortet. In diesem Feld gibt es unterschiedlichste Lebensentwürfe, die sich durch die steigende Mobilität des Öfteren ändern kann. Ein Maßstab für gesellschaftliche Akzeptanz von lesbischen Lebensweisen wird sein, ob die Sichtbarkeit von Lesben am Land in den nächsten Jahren steigen wird oder nicht.

Dieser Artikel erschien auch in der stimme, der Zeitung der Initiative Minderheiten.



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