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Für die bin ich der Pornogott!

von Karsten Rühl am 2004-10-24 23:57:34
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Als ein Sexarbeiter im Programm der V-Vortragsreihe stand, war auch am Publikumsandrang klar, dieser Abend läßt niemand kalt.
So gab es bisher zahlreiche Reaktionen, die das Thema weit über die Villa- Kreise hinaus diskutierten...

Am 10. Sept. traf sich eine illustre Runde (vorwiegend homosexuelle Männer) im Vortragsraum der Rosa Lila Villa, um den Erfahrungen des in Frankfurt arbeitenden Profistrichers Mark zu lauschen.

Die Frage nach dem Verhältnis Stricher-Szene -Gesellschaft wurde vom Veranstalter zum Leitthema des Abends erklärt.
Gleich merkte man: wer sich öffentlich als Stricher präsentiert, macht sich erstmal zum Sexualobjekt, und so war die Nervosität auf beiden Seiten nicht gering.
Und die Frage stand im Raum, wie sich dieser Abend denn unverkrampft gestalten könnte?

Doch was sind soziologisch-wissenschaftliche Untersuchungen und diverse Stricherreporte gegen Erfahrungen aus erster Hand?
Und so blieb man gerne leicht schüchtern und etwas verkrampft an seiner Zigarette nuckelnd in stiller Erwartung sitzen.

Es war dann eine angenehme Überraschung, einem sehr reflektierten jungen Mann zuzuhören, der den übermäßigen Zuschauerandrang lakonisch mit „sex sells!“ kommentierte, und in seiner Aufmachung so bürgerlich daher kam, dass zumindest der Schreiber wenig von der befürchteten Sinnlichkeit spürte.
Alle Bedenken waren schnell ausgeräumt. Man konnte sich ohne weitere Scham dem beinahe trockenen Vortrag hingeben, viel Interessantes auch über die Situation der Prostituierten in Deutschland erfahren.
Einige wären durch den Job so reich geworden, dass sie sich mehrere Häuser hätten kaufen können, allerdings in Südamerika, wo die Preise verschwindend gering seien.
Ansonsten käme man in Frankfurt mit dem Geld ganz gut durch.
Im Gegensatz zu Berlin, wo die Preise durch das Überangebot von (Straßen-)Strichern aus dem Osten um die Hälfte gesunken wären.
Auf die Frage von Mark an die ZuhörerInnenschaft, wie denn die Preise in Wien im Vergleich zu Frankfurt oder Berlin wären, konnte oder wollte niemand eine Antwort geben.
Da anscheinend niemand mit diesem Beruf Erfahrungen irgendeiner Art gemacht hatte, wurde wiederum Mark gefragt (der seine Vorträge übrigens auch nur weitab von Frankfurt hält), wie er sich denn so errege, bei der angenommenen Hässlichkeit mancher seiner Kunden?
Er meinte, dass jeder etwas an sich habe, man müsse entweder auf die primären oder sekundären Geschlechtsteile achten, da fände sich immer ein bisschen Erotik. Auf Potenz steigernde Mittel würde er prinzipiell verzichten. Aber das wäre nur die körperliche Seite.
Schwierig könne es werden, wenn emotionale Abhängigkeiten zwischen Stricher und Freier entständen, so habe ihm - als schlimmste Erfahrung - ein Stammkunde einmal die Polizei auf den Hals geschickt, nachdem er nicht mehr länger für die schon abgearbeitete Bezahlung im Haus des Kunden verweilen wollte.
Hier deutete Mark den schmalen - mitunter gefährlichen - Grat an, der vom Widerspruch zwischen der eigenen Professionalität und den intimen Wünschen der anderen bestimmt wird. Er fügte hinzu, er habe mittlerweile eine große Sensibilität dafür entwickelt, nicht nur den Wünschen der Kunden zu entsprechen, sondern, vor allem, die eigenen Grenzen zu erkennen.

Man spürte jedenfalls in der Art, wie er auf Fragen der Zuhörer einging und sich in gezielten Antworten respektvoll bemühte, dass er einfühlsam ist.

Da das Thema „käufliche Liebe“ für niemanden nur rational zu erfassen ist (obwohl vor allem Mark versuchte, es auf dieser Ebene zu transportieren), so begleitete man das psychologisch Fachvokabular, welches ein junger Diskutant verschwenderisch einwarf, lediglich mit höflichem Interesse.
Man war eher dankbar für kernige Sätze wie: “Das Geld macht mich an“ und „für den Kunden bin ich der Pornogott“ und war über das Selbstbewusstsein erfreut, mit dem sich Mark den neugierigen Fragern stellte.
Ob der Abend zu einer Enttabuisierung des Themas innerhalb der „intellektuellen“ schwulen Szene beiträgt, ist zu hoffen.

Das geläufige Denken über die „dummen Strichbuben“ schien an diesem Abend in sein Gegenteil verkehrt. Mark ist vor allem ein ernstzunehmender (in diesem Fall schwuler) Geschäftsmann, er hat sogar ein „kluges“ Studium hinter sich gebracht, und es scheint, dass das nachstehende Zitat aus “Ratschläge einer älteren Fose an eine jüngere“ von Bertolt Brecht für ihn nicht gilt:

„Doch wisse, dass ich selber mich verachte!
Wenn du, nachdem du lustlos unter Männern lagst
Einmal nicht ganz im Dreck verrecken magst
So mach es anders, als ich selbst es machte.
Wenn du einmal was Kluges findest, dann tu`s
Hab ich es nicht geschafft, vielleicht schaffst du`s“



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