Erik(A)von Marty Huber am 2005-01-16 03:54:28 Artikel druckenErik(A), der Mann der Weltmeisterin wurde. Die Schination erlebt einen ihrer Höhepunkte: Heterosexismus in Reinkultur. Ein österreichischer Film eben. In Slowmotion fliegt ein Schifahrer über schneeverhangene Berge, der Atem ist zu hören, das Schlürfen des Schnees, das Knirschen der Schischuhe, flirrende Musik bohrt sich durch die Landschaft. Die Idylle eines Kärntner Dorfes, überall stampfen sich die Berge aus der Landschaft, durch die sich die Kamera bewegt, das Flirren der Musik wird immer durchdringender.
Portillo, Chile 1966: Im Alter von 18 Jahren gewinnt Erika Schinegger den Weltmeistertitel im Abfahrtslauf. Tausende kommen, um sie bei ihrer Rückkehr zu empfangen und mit ihr zu feiern. Doch ihre Karriere als Schirennläuferin wird kurz vor den olympischen Winterspielen 1967 durch die neu eingeführten Geschlechtskontrollen beendet. Erika ist in „Wahrheit“ ein Mann und somit vom Damensport ausgeschlossen, denn sie wurde mit uneindeutigen Geschlechtsorganen geboren und als Mädchen klassifiziert. Nach der Bestätigung seiner XY-Chromosomen entschließt sich Schinegger, sein Geschlecht richtig stellen zu lassen. Er versucht es nochmals beim Herrenteam Fuß zu fassen, uneingeladen, er wird aber schließlich ersucht, das Nationalteam zu verlassen, denn er verursache zu viel Wirbel.
Eine aufwühlende Geschichte, im besonderen für die „Schination Österreich“ und wer sich die Wichtigkeit dieses Sportes vor Augen führen will, soll sich auf das derzeitige ORF Programm ins Bewusstsein rufen oder sich Jelineks „Sportstück“ zu Gemüte führen. Der Dokumentarfilm Erik(A) dokumentiert aber nicht nur diese Vorkommnisse, sondern ist ausgezogen, alles zu unterstützen, was zum Einen die Schination bejubelt (sogar der Skandal um Karl Schranz wird aus dem Hut gezaubert, dieser wurde 1972 vom IOC wegen der Amateursklausel gesperrt) und zum Anderen den Heterosexismus feiert. Leider, denn Erik Schinegger kann kaum ein Vorwurf gemacht werden sich vor 30 Jahren für eine Operation entschieden zu haben. Der unkritische Umgang mit den Aussagen verschiedenster Beteiligter, FreundInnen, Verwandte, TeamkollegInnen, Verantwortliche des ÖSV und IOC ist jedoch unentschuldbar. Der Pseudo-Objektivität wird die Möglichkeit geopfert sich näher mit dem Thema von Zu- und Festschreibungen zu nähern, keine Minute Filmmaterial wird einer ExpertIn aus der Transgender-Bewegung zur Verfügung gestellt, alle möglichen anderen „Experten“ dürfen all möglichen Unsinn verkünden. Vielmehr noch versucht der Film allgemeine Beruhigung herzustellen, Erklärungen werden am laufenden Band produziert: Vater und Mutter Erik Schineggers waren Kusinen, Erik war immer schon ein Mann, weil er auch nicht wusste, wie er sich als Frau richtig kleiden, bewegen, die Handtasche tragen solle. Hübsch sei er ja nie gewesen, eher hölzern, zu kantig, mit einer schlechten Frisur. Nach der Operation sei er gut für das Geschäft auf dem bäuerlichen Gasthof gewesen, alle wollten ihn sehen. Zuvor hatte ihm die Gemeinde noch ein Geschenk aberkannt, ein Grundstück im Dorf. Olga Scartezzini-Pall, eine ehemalige Teamkollegin und Freundin von Erika, wie auch Erik, meinte gar Erika sei für sie gestorben.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Für den ultimativen Beweis seiner Männlichkeit tritt aber Erik Schinegger selbst an: Nach der Operation muss zuerst ein Porsche her, dicke Uhren und schwere Goldringe sind seine erwählten Insignien. Dann will er es allen noch mal im Herrenteam zeigen, uneingeladen tritt er für Weltcup-Rennen an, geht als 60er an den Start und kommt trotzdem unter die besten 10. Ein Interview will niemand mit ihm machen, wie Wolfgang Winheim (Sportjournalist) das im Interview feststellt. Die ÖSV Trainer, die kurz zu vor noch Sieger-Bussis für Erika bereit hielten, schmissen Erik aus dem Team. Die einzige, die sich darüber im Film aufregt, ist die französische Rennläuferin Marielle Goitschel, sie greift die Schiverbände an, die sich aus ihrer Verantwortung schlichen, als das Ganze publik wurde. Der nächste Schritt Schineggers ist die Ehe und der finale die Zeugung eines Kindes. Jetzt könne alle Welt sehen, dass er wirklich ein Mann sei. Seine Tochter fühlt sich heute noch vorgeführt, seine erste Frau bestätigt im Interview die Überkompensation Schineggers durch die zur Schaustellung massiven Macho-Gehabes. Wie gesagt: Schinegger ist kein Vorwurf zu machen, denn unsere Gesellschaft pocht auf diese Eindeutigkeit des Geschlechts. Der Film ist ja auch durchsät mit Aussagen, die zur Beruhigung dienen, und schließlich ist ja alles in Ordnung und richtig gestellt worden.
Und dass manche Sportlerinnen durch das harte Training etwas vermännlicht wirken können, vielleicht erst spät Brüste entwickeln und die Menstruation ausbleibt, das kann passieren, aber Schönheit ist immer auch ein Thema für sie. Oder?
Erik(A)
Kinostart am 14. Jänner
in Wien
TOP Kino
6. Rahlgasse 1 (Ecke Theobaldgasse)
Village Cinemas
3., Landstraßer Hauptstraße 2a
in Salzburg
Cineplexx Salzburg City
Fanny von Lehnert Straße 4
5020 Salzburg
Ab 21. Jänner
in Kärnten
Stadtkino Villach
Ab 10. Oktober
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