Terrorismus und die Zuständigkeit von Frauenvon Karin Schönpflug am 2004-05-22 10:00:02
Auf Verwunderung stießen Ulrike Lunaceks Bemerkungen "Aus dem hohen Haus" in den Lambda Nachrichten. Kann frau den Terrorismus wirklich so einfach erklären? "Wären alle UNO Konventionen und Resolutionen zu Frauenrechten aus den letzten 20 Jahren umgesetzt worden, die terroristische Bedrohung wäre lange nicht so gefährlich wie sie jetzt ist." Diese These stellt Ulrike Lunacek in ihrer Kolumne "Aus dem hohen Haus" in den Lambda Nachrichten auf. Sofort muss ich ihr zustimmen, denn wenn Frauen mehr Rechte hätten, wäre diese Welt sicher eine bessere Welt. Hätten Frauen mehr zu sagen, gäbe es wohl längst weniger Kriege und auch weniger Terrorismus. Genau! Ich lese weiter: "…der Mangel an Demokratie sowie die Segregation der Geschlechter in vielen Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit führe zu einer Radikalisierung, weil die (hier zitiert Ulrike die Leiterin des UNO-Frauenfonds) "Männer einfach keine Beziehungen zu Frauen aufbauen und halten können." [Homoerotik und Homosexualität dürfen aber auch nicht sein!]"
Propaganda und Bilder
Sofort sehe ich die Bilder der von Kopf bis Fuß verschleierten Frauen aus Kandahar (Afghanistan) vor mir. Ich denke an ihre fanatischen Ehemänner, die sie vor der Welt wegsperren und selbst hinaus ziehen, um für den Jihad zu kämpfen. Ja, mehr Frauenrechte könnten da sicher nicht schaden. Denn könnten die Frauen mit ihren Ehemännern bessere Beziehungen führen, wären die Männer dann nicht mehr daheim und würden keinen religiösen Terror betreiben wollen? (Sie könnten sich dann vermehrt der häuslichen Gewalt zuwenden: die neueste Statistik sagt, dass etwa in Spanien 65 Ehefrauen pro Jahr von ihrem Gatten getötet werden, doch das ist jetzt zynisch von mir.) Aber wenn Männer trotzdem lieber Terroristen sein wollen würden, könnten gleichberechtigte Ehe-Frauen sie nicht besser stoppen und ihrer Rolle als Friedensengel gerecht werden? Hier tauchen in meinem Kopf noch mehr Bilder auf, von den Sozialistinnen im 1. Weltkrieg, die in Italien händehaltend über die Schlachtfelder liefen und sich singend niedermetzeln ließen, um den Wahnsinn des Krieges aufzuzeigen.
Frauen im Krieg
Nun haben meine Gedanken scheint es, aber eine merkwürdige Richtung genommen: Erstens, was hat das Sich-Töten-Lassen auf dem Schlachtfeld mit Frauenbefreiung zu tun und zweitens, was hat der erste Weltkrieg mit Terrorismus zu tun?
Meiner ORF - Medien - geprägten Definition nach ist Terrorismus wenn (böse) Männer aufgrund ihrer Überzeugung/Gesinnung/Religion unschuldige Oper töten oder foltern, um ihre Ziele zu erreichen. In diesem Forum würde ich natürlich hinzufügen, dass auch Frauen Terroristinnen sein können, z.B. die palästinensischen Selbstmordattentäterinnen. TerroristInnen sind während ihrer Taten anonym, vermummt, auf jeden Fall unerkannt. Noam Chomsky formuliert all das ein wenig differenzierter in seiner Rede vom 18. Oktober 2001 (ein Monat nach 11/9) am MIT in Boston www.chomsky.info Sein Argument ist, dass Terrorismus politische Ansichtssache sein kann. Während sich die Weltöffentlichkeit einig ist, dass die Kämpfer des Jihad Terroristen sind, sagt kaum jemand in der westlichen Welt, dass US-Amerikanische, Britische, Polnische, Spanische… Soldaten im Irak, oder auch im Ersten Weltkrieg Terroristen sind.
Wo sind die Terroristen?
Folterungen, Vergewaltigungen, Snuffbilder…sind weiterhin als "Ausnahmen" in einem fairen Kampf" zwischen Nationen (hier sind wir schon mitten in meiner Definition zum Begriff Krieg) wo brave Soldaten ihre rechtmäßigen Gegner mit überlegener Technologie und besserem Können usw… sauber ermorden. Soldaten sind keine Terroristen, weil sie Bedienstete eines Nationalstaates sind und sich an die Kriegsregeln des Völkerrechtes halten. Auch wenn ihre Auftraggeberregierungen ohne/oder mit UN Mandat irgendwo einmarschieren sind sie tapfere Männer, die mit Orden behängt zurückkehren, außer sie sind gefallen. Meist töten Soldaten ganz professionell übrigens mehr unschuldige Leute als der professionellste Terrorist.
Und was ist mit den Söldnern? Diese Angestellten von privaten Unternehmen so wie z.B. Halliburton, das mittlerweile allein ein Drittel des US-Amerikanischen Kriegspersonals im Irak stellt. Oder die Italiener, die in Faluja gelyncht worden sind, sie waren Privatpersonen, Geschäftsleute, schwer bewaffnete Bedienstete privater Sicherheitsanbieter. Hier habe ich inzwischen schon wieder Bilder im Kopf, von Science Fiction Welten, in denen nicht Nationalstaaten miteinander Kriege führen, sondern transnationale Konzerne ihre Angestellten gegeneinander losschicken, Rasse und Herkunft sind uninteressant geworden, Hauptsache du kämpfst für das richtige Logo. (Er, Sie, Es – Marge Piercy)
Allheilmittel "Frau"
Doch zurück zu den braven westlichen Soldaten, von denen bekannt wurde, dass sie foltern, töten, vergewaltigen und davon Bilder schießen: Ich frage mich, was ist in ihrem privaten Umfeld los? Hatten sie nie die Gelegenheit, "Beziehungen zu Frauen aufbauen und halten zu können"? Als Feministin finde ich natürlich, dass auch in den USA und in Großbritannien, oder auch in Österreich (hier in der Heimat haben wir kaum terroristische Soldaten, Frau Ferrero rettet sie schließlich aus dem Kosovo, bevor die UNO ihnen was Unrechtes nachsagen kann) kaum Kontexte ohne Misogynie ohne größere Anstrengung der Beteiligten entstehen können. Um so merkwürdiger, dass dann getrachtet werden soll, den muslimischen Staaten diese Art von "verminderter Segregation der Geschlechter" als Heilmittel gegen den Terrorismus nahe zu bringen. Oder auch unser westliches Demokratieverständnis! z.B: Österreich: Egal was rauskommt, immer wieder ist Herr Schüssel obenauf, als Wahlverlierer oder auch als Wahlgewinner, bzw. ist bei uns immer noch das "dritte Lager" ausschlaggebend für den Ausgang jeder Wahl. Und das US-Amerikanische System der Präsidentschaftswahl ist wohl kaum das leuchtende Vorbild, das gemeint ist.
Ungern schreibe ich gegen Ulrike Lunacek und die UNO Frauenpolitik an, dennoch meine ich, in diesem Fall handelt es sich um einen falschen kulturellen Superioritätsglauben, in dem Frauenrechte, egal wie wichtig sie sind, nicht die Lösung für jedes Problem sein können. Meiner Meinung nach sind Begriffe wie Krieg und Terrorismus genauer zu hinterfragen, es gilt, sich zu überlegen, aus welcher Perspektive man/frau selber gerade die Welt betrachtet. Warum fordert niemand in der UNO ein, die Kriegsindustrie zu verbieten, oder zumindest Personenminen, das wäre womöglich noch effektiver für den Frieden. Westliche Frauenrechte haben es Margaret Thatcher ermöglicht, an die Macht zu kommen; sie beschloss gegen Argentinien in den Krieg zu ziehen, wegen der Falklandinseln, auch nicht gerade der friedlichste Effekt von Frauenrechten.
Böser Comicstrip
Und nun zum Hauptdilemma: Wegen des allgemeinen Terrorwahns bleibt die Frage zu stellen: Ist Hothead Paisan böse? Ist es (heutzutage noch) lustig, eine männermordende Comicfigur "Homicidal Lesbian Terrorist" zu nennen? Hierzu gibt es die Möglichkeit mitzustimmen, so kreativ zu sein wie die Grünen mit dem Wettbewerb zum "neuen Namen für die Eingetragenen PartnerInnenschaften". – Monotonisierungs- oder Assimilationsregistratur wäre ein Vorschlag dazu. Doch zurück zu unserer Gewinnfrage: Ist Hothead Paisan böse? Unsere undemokratische Jury wird die GewinnerInnen nach neoliberalem Gutdünken bekannt geben.
Vorschläge an Lila Tip
Zur Nachlese findet ihr das Lambda Special 2.2004 auf der Hosi Website:
www.hosiwien.at |